Wasserlichtorgel – wie ein Programm entsteht

Wie sich Musik in eine Choreographie für Wasser und Licht verwandelt und diese in einer Partitur notiert wird

Wasserlichtorgel – wie ein Programm entsteht

Vorbemerkungen

Allabendlich während der Sommermonate verwandeln zwei Musiker*innen die Wasserlichtorgel in Planten un Blomen zu einem farbenfrohen und bewegungsreichem Spektakel. Sie spielen allerdings nicht die Musik, sondern bedienen Wasser und Licht.

Begleite Simon und Joscha gerne auf ihrem virtuellen Spaziergang, um einen ersten Überblick der Wasserlichtorgel zu gewinnen: „Blick hinter die Kulissen Teil 6“

Damit eine größtmögliche Harmonie von Wasser, Licht und Musik entsteht, gibt es eine Partitur, die den Ablauf der Fontänenbewegungen und Farbspiele zeigt. Während der abendlichem Liveshow orientieren sich die beiden Musiker*innen an der Partitur und setzen die darin verzeichneten Ideen an ihren Spielpulten um. In dieser Partitur steht alles drin, was sie wissen müssen, um die Musik perfekt in Szene zu setzen. Jedes zweite Jahr wird so eine Partitur neu entwickelt und bereichert damit den Fundus an Wasserlichtkonzerten. Es ist wieder soweit. Es soll einem neuen Wasserlichtkonzert Leben eingehaucht und Euch, dem Publikum in der kommenden Saison präsentiert werden. Dafür ist der künstlerische Leiter zuständig: Das bin ich, der Autor dieses Essays und damit möchte ich mich Dir vorstellen.

Aufnahme eines Mannes. Hector Gonzalez Pino: Künstlerischer Leiter der Wasserlichtorgel (Bild: Hector Gonzalez Pino)

Am Anfang ist Musik

Aber womit fangen wir an? Wie entsteht so ein buntes Programm, das es noch gar nicht gibt? Was ist der Kernmoment? Beginnen wir es mit dem Wasser, das so herrlich körperlich ist und so wunderbar rauscht? Oder entzünden sich die Gedanken zuerst am Licht, das in den Abend so strahlend hinein leuchtet und unsere Seele verzückt? 
Nein. Am Anfang ist Musik. Mit ihrer Auswahl beginnt der Zauber.

Eine Leitfrage ist dabei, welche Art von Musik wir noch nicht in unseren Programmen bislang verwendet haben. Aber dann auch, was für das Instrument Wasserlichtorgel spannend und geeignet sein könnte. Videoportale und ähnliche Internetangebote helfen bei der Inspiration und der konkreten Suche. Auch das Team aller Wasserlichtorgelspieler*innen macht Vorschläge. Die Entscheidung ist nicht leicht. Denn für eine Musikrichtung sich auszusprechen ist immer auch ein Nein gegen alles Andere, das wir dieses Mal nicht an der Wasserlichtorgel zeigen können.

Impressionistische Musik hat die Wasserlichtorgel bislang noch nicht interpretiert. Das könnte eine spannende Sache werden. Ein Stück war sofort da. Das habe ich als Schüler früher mal auf dem Klavier gespielt und mag das immer noch sehr. Rêverie von Claude Debussy, ein zauberhaftes Kleinod. Ich entscheide mich für eine Orchesterfassung des ursprünglich für Klavier geschriebenen Stückes.


Die Musik von Claude Debussy gilt als ein Übergang zwischen der Romantik und der Moderne. Rêverie ist ein berühmtes und populäres Stück aus seinem Frühwerk, ein erster Schritt weg von der Dur-Moll-Harmonik, aber harmonisch noch nicht so innovativ wie seine späteren Werke. Es entstand im Jahr 1890, nachdem er auf der Weltausstellung in Paris 1889 erstmals ein Gamelan- Ensemble aus Java mit seiner Pentatonik hörte. 

Obwohl er selbst später behauptet hat er bereue es Rêverie veröffentlicht zu haben, ist das Stück außerordentlich populär geworden. 

Rêverie (Träumerei) ist ein fast meditatives, poetisches Kleinod. Eine klare Melodie zieht sich fast durch das ganze Stück, flutet mehrfach auf und ebbt wieder ab. Sie wird im Verlauf immer reicher, wärmer und träumerischer im Klang. Schließlich endet es wie es begonnen hat, ruhig und friedlich.

Dann beginnt eine Phase des Vergleichens und Abwägens. Wieder und wieder hören. Manchmal ein und das selbe Stück ein Dutzend Mal. Ich frage mich dabei: Kann ich die Wasserlichtorgel sehen, wenn ich die Augen schließe? Erweckt das Musikstück innere Bilder von bewegtem Wasser und beleuchteten Fontänen? 

Von Debussy hat es noch ein weiteres Stück in die Auswahl geschafft: Golliwogg’s Cakewalk aus seinem Zyklus Children’s Corner. Auch hier wird es eine Orchesterfassung sein. Ich stoße bei der weiteren Suche auf Werke von Camille Saint-Saens, die musikalisch noch der Romantik angehören, und ein sehr bekanntes Stück von Gabriel Fauré. Diese passen gut zu den Werken von Debussy, ergänzen sie hervorragend. Hier findest du eines davon:


Rêverie ist das erste von fünf tollen Musikstücken, die Eingang in das Programm gefunden haben und wird auch zum Entrée des Abends. Bis Choreographie und Partitur fertig sind ist es allerdings noch ein weiter Weg. Die Schritte dahin beschreibe ich Dir hier anhand dieses Stückes.

Kleine musikalische Analyse

Sind Noten eines Musikstückes zu bekommen, so ziehe ich diese für den nächsten Schritt gerne heran. Gerade bei klassischer Musik ist das oft hilfreich. Das Gehörte läßt sich leichter erfassen und die Struktur auf unsere eigene Notation übertragen. In den Noten von Rêverie zähle ich zum Beispiel die Takte aus, mache mir musikalische Abschnitte bewusst und erfasse dabei schon ein paar Details die in der Choreographie bedeutsam sein können. So beginnt das Stück mit einer Art musikalischem Teppich und in Takt drei setzt die Melodie ein, eine gesangliche Stimme, die in der Orchesterfassung von einem Holzblasinstrument (Oboe) gespielt wird. Acht 8 Takte später endet die Phrase und beginnt der nächste kleine Abschnitt. So gehe ich einmal durchs ganze Stück.

Wasserchoreographie

14 Fontänengruppen können wir an der Wasserlichtorgel unabhängig voneinander bewegen. Die Höhen lassen sich stufenlos einstellen. Wir können somit Bilder aufbauen und verändern und das Wasser sich rhythmisch bewegen lassen, zusammen und gegeneinander. 

Möchtest Du es ganz genau wissen? Katharina und Christophe zeigen Dir in dem Video „Blick hinter die Kulissen Teil 7“ hier alle Möglichkeiten des Wassers.

Welche Fontänen passen zu unserer Musik? Wie wechseln sie sich ab? Entstehen klare Bilder oder geht es mehr um die Bewegtheit des Wassers? 

Aus der Erfahrung, die ich von vorhergehenden Programmen gewonnen habe, darüber wie bestimmte Bilder wirken, mache ich mir erste Gedanken über eine mögliche Umsetzung. Das sind zunächst innere Bilder und spontane Gedanken. Manchmal hilft es die Augen zu schließen und das Konzert zu erträumen, während die Musik erklingt. Ich zeichne erste Fontänenbilder auf. Das sind graphische Abstraktionen der Wasserfontänen.

Auf einem Blatt Papier wurde skizziert. Graphische Skizze der Fontänen am Anfang von Rêverie: Hier mit zusätzlich Farbideen (Bild: Hector Gonzalez Pino)

Es gibt keine Patentrezepte, aber für ein Solo eines Holzblasinstrumentes und vor allem, wenn es sich um eine so sanfte Melodie handelt wie am Anfang von Reverie, eignet sich am Besten eine hohe Einzelfontäne im Zentrum, umrahmt von einem kleinen Strauß aus sehr niedrigen diagonalen Fontänen. Mit dem Fontänenkranz beginnt Rêverie und sobald die Melodie einsetzt kommt die hohe, aber schlanke Fontäne ins Spiel. Ihr ist der Fontänenbuchstabe J1 zugeordnet.

Das Spielpult einer Wasserorgel. Zu sehen sind verschiedene Tasten Wasserorgel Spielpult: J1 ist die vierte Fontäne von links (Bild: Jonathan Wolters)

Die Idee ist somit gesetzt. Ich skizziere dann auf einer art Notenblatt (s. u.) eine Takteinteilung und darauf die ungefähre Bewegungslinie der Fontäne zusammen mit ihrem Namen. 

Oft ändert sich die Skizze noch mehrfach. Z. B. wenn ein sehr prägnantes Bild an einer anderen Stelle oder in einem anderen Stück besser passt. Hier am Anfang von Rêverie bin ich aber überzeugt, daß es keine plausiblere Alternative gibt, J1 also die beste aller Möglichkeiten ist. Sie kann die Hebungen und Senkungen der Melodie besonders leicht umsetzen.

Lichtchoreographie

Über 600 LED-Scheinwerfer liegen im Parksee und leuchten durch die Wasseroberfläche hindurch in sechs verschiedenen Hauptfarben und mannigfaltigen Mischungen davon. Im Kern lassen sich Lichter anschalten und ausschalten, Der Wechsel kann aber auch sehr schnell geschehen und in einer Grundbeleuchtung können Lichtreflexe eingebettet werden. Das Pult zum Bedienen der Lichter der Wasserlichtorgel. Das Lichtpult an der Wasserlichtorgel: Es erinnert an eine zweimanualige Orgel und braucht auch die Fingerfertigkeit eines Tasteninstrumentalisten (Bild: Jonathan Wolters) Wenn Du mehr über die Möglichkeiten des Lichtes erfahren möchtest so zeigen Dir Alex und Joscha hier alle Lichtmöglichkeiten. „Blick hinter die Kulissen Teil 12“

Wie ist die Grundstimmung? Welche Farben eignen sich? Es gibt verschiedene Abschnitte in der Musik, die mal dunkler, mal heller, mal klarer, mal weicher klingen. Jede Stimmung braucht ihren eigenen Farbklang. So beginnt Rêverie in blau und grün, also recht dunkel, aber wenn die Melodie einsetzt, kommt Gelb dazu und schimmert aus dem dunklen Untergrund heraus. Für das erste Stück verwende ich weitgehend reine Farben auf einzelnen Fontänen, komplexere Mischfarben erst später. 

Jeder Scheinwerfergruppe ist eine Taste auf dem Lichtklavier zugeordnet. Diese haben nicht nur Farben, sondern sind vor allem mit Zahlen versehen. Auch wenn ich inzwischen alle Zahlen auswendig den Farben und Fontänen zuordnen kann, so nehme ich zum Notieren des Lichtes gern eine schematische Darstellung der Tastatur zu Hilfe. Die ist vor 25 Jahren entstanden, also fast schon eine kleine Antiquität.

Das Lichtklavier wurde auf Papier dargestellt. Schematische Darstellung des Lichtklaviers: Taste 47 war vor 25 Jahren noch mit einem roten Scheinwerfer belegt, heute ist dort blaues Licht. (Bild: Hector Gonzalez Pino)

Wasser und Licht trage ich zunächst in eine Kladde ein. Da wird verändert, radiert, überschrieben, hin und hergeschoben. Solange bis es mir stimmig erscheint.

Eine Partitur für eine Wasserlichtorgel wurde auf Papier neidergeschrieben. Vorschrift der späteren Partitur: Vergleiche diese mit der Partitur weiter unten. Hat sich in der Reinschrift noch was verändert? (Bild: Hector Gonzalez Pino)

Das Stück steht am Anfang des Abends. Darum packe ich dort noch nicht alle Möglichkeiten des Lichtes aus. 
In einem anderem Musikstück, das später kommt, verwende ich auch ganz neue Effekte. Seit der Sanierung 2019 hat die Wasserlichtorgel zum Beispiel einen echten Stroboskopeffekt. Zum ersten Mal wird dieser im neuen Konzert eingesetzt.

Reinschrift

Der letzte Schritt ist sorgfältige Fleißarbeit. Die Ideen der Skizzen und die vorgeschriebene Kladde müssen in eine saubere, von allen Musikern und Musikerinnen gut lesbare Form gebracht werden. Trotz aller digitalen Möglichkeiten machen wir das an der Wasserlichtorgel handschriftlich. Das hat zwei Vorteile: Zum einen können wir leichter kleine Fehler korrigieren oder auch mal einzelne Bilder ändern, ohne daß wir die Partitur neu drucken lassen müssen. Zum anderen entspricht die leichte Unschärfe einer Handschrift auch besser dem eigentlichen Spiel, das kleine Interpretationsspielräume zuläßt. Wasser und Licht sind eben nicht digital, sondern analog, sind beseelt. 

Der Prozess der Reinschrift ist auch noch ein Moment des Überprüfens, ob die Choreographie stimmig ist, ob sie spielbar ist, ob die Trägheit des Wassers die Ideen gut umsetzen kann. 

Ich erstelle zwei Partituren. Eine für die Wasserspieler*innen, die für bessere Übersichtlichkeit kaum oder gar keine Lichtinformationen enthält und eine für die Lichtspieler*innen, die alle Informationen drin hat. 
Hier kannst Du sehen wie die erste Seite der neuen Partitur für den Lichtspieler aussieht. Die farbigen Linien stehen für die Bewegung der einzelnen Wasserfontänen, die farbigen Zahlen für die Lichter, die entweder angehen (mittlerer Block) oder ausgehen (unterer Block) sollen.

Eine Partitur für eine Wasserlichtorgel wurde auf Papier neidergeschrieben. Die fertige Partitur: Die im mittlerem Segment notierten Lichter gehen an, die unteren aus. (Bild: Hector Gonzalez Pino)

Möchtest Du mehr über unsere Notation erfahren? Joscha erklärt Dir hier unsere Form der Notation: „Blick hinter die Kulissen Teil 12“ ab min 8:46.

Proben

Die Partitur erklärt sich nur dem in die Notation Eingeweihten. Aber auch das nicht vollständig. Denn nicht jede Feinheiten lässt sich dort eindeutig formulieren. Darum treffe ich mich zum Anfang der Saison mit allen Musiker*innen und stelle Ihnen den Ablauf der Partitur vor. Zunächst Musikalisch. Dann erörtern wir Details zu Wasserhöhen und Rhythmen, zu Lichteffekten und dem Timing im Zusammenspiel. Auch gibt es seit der Sanierung der Wasserlichtorgel 2019 neue Effekte und damit auch neue Notationszeichen, die besprochen und gelernt werden müssen. 

Da gibt es z. B. ein neues Zeichen für den Stroboskop-Effekt, welches in der Partitur vorkommt, aber meine Kolleginnen und Kollegen an Wasser und Licht bislang noch nicht kennen. Eine Grafik, die einen Blitz in einem Kreis zeigt Neues Notationszeichen für Stroboskop - Effekt: Jetzt gehörst auch Du zu den (zumindest etwas) Eingeweihten. (Bild: Hector Gonzalez Pino) Manche Partituren sind sehr virtuos im Spiel, selbst für professionelle Musiker*innen anspruchsvoll. Darum übt jeder von uns bis zur Premiere noch eigenständig und solange bis jeder Handgriff perfekt sitzt.

Ein Mann spiet an einer Wasserlichtorgel. Jonathan beim Üben einer neuen Partitur: Die oft schnellen Wechsel im Licht müssen besonders gut einstudiert werden. (Bild: Jonathan Wolters)

Premiere

Das neue Wasserlichtkonzert sollte seine Premiere in der Saison 2020 haben. Durch die Coronapandemie war dies aber nicht möglich. Die Premiere wurde daher auf die Saison 2022 verschoben. Das ganze Team ist bei einer Premiere immer dabei und mischt sich unter die Zuschauer. Es ist für unser eigenes Spiel sehr hilfreich, wenn wir eine Partitur mindestens einmal in der Umsetzung selber erlebt haben. Das ist der Moment an dem sich für mich persönlich der kreative Bogen schließt und die inneren Bilder zum Leben erwachen.

Einer Wasserlichtorgel im Einsatz. Die Wasserlichtorgel wie wir sie lieben: Sei auch du dabei, wenn es wieder los geht (Bild: Hector Gonzalez Pino)